Aëria

Kurzgeschichte

Ein irrer Maler sagte einst: »Kunst – das ist der Mensch.«
Hätte er doch nur mit etwas mehr Demut und Fantasie in die Sternennacht geblickt.
Seine dämliche Weisheit wäre dem Universum erspart geblieben.

Letzter Logbucheintrag des Space Miners Klondike | SZ 2342,34



Eve bemerkte kaum, wie ihre Stiefel den Boden berührten. Zu gering war die Mikrogravitation auf Asteroid 369. Einzig die Steuerdüsen ihres Raumanzuges und der wohldosierte Einsatz von Muskelkraft bewahrten sie davor, bei jedem Schritt zurück ins Weltall katapultiert zu werden. Sie befand sich in einer Zone, die zu einem steilen Trichter abfiel. An seinem Rand präparierten Gary und Lee vom Rescue-Team die drei defekten Robotersonden für den Rücktransport zur Klondike.

Lee fluchte lautstark. »Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber haben wir nicht Maschinen erfunden, damit sie die Drecksarbeit für uns erledigen?«
»Yeep!«, sagte Gary. »Blöd nur, wenn Maschinen ›Made in Europe‹ beim ersten Furz abschmieren.«
»Abgeschmiert ist übrigens auch die Funkverbindung zum Schiff«, sagte Lee.
»Dieser verkackte Felsbrocken nervt.«
Auch Peck brummte etwas in seinen mächtigen Bart. Der miesgelaunte Unterton änderte sich schlagartig, als er seine Handsonde über einer metallisch glänzenden Ader in Position brachte. »Wenn das hier ist, wonach es aussieht, gibt ́s bald nur noch ›Made in China‹ und Champagnerbäder mit Edelnutten.«
Eve, die mit Peck das Scout-Team bildete, ignorierte die Unterhaltung.
Sie dachte nach. Sie machen einfach so weiter.
Als wären elektromagnetische Pulswellen, die ein 500 Billionen Tonnen schwerer Asteroid aussendet, nur ein Furz. Als gäbe es diese abstrakten Muster und Formen im Gestein nicht.
»Eve, du wirst nicht für ́s Rumstarren bezahlt«, sagte Peck.
Sie blickte weiter in den Trichter. Elegant geschwungene Metalladern vereinten sich darin wie Bäche zu einem Strom aus Gold und verloren sich in der Tiefe. »Fürs Reparieren, Putzen, Bärte stutzen, Navigieren, Kopulieren und Leben riskieren übrigens auch nicht.« Sie richtete ihre Steuerdüsen neu aus und aktivierte die Scheinwerfer ihres Helms. Dann schwebte sie hinab in die bodenlose Schwärze.

Der Trichter entpuppte sich als Eingang eines mächtigen Tunnels, der sich spiralförmig ins Innere von 369 wandt. Eve nahm einige Gesteinsproben, dann folgte sie dem Gang. Wo auch immer der Lichtkegel ihrer Scheinwerfer auf Wände traf, waren sie glattpoliert und durchzogen von goldglänzenden Adern. Sie bildeten variierende Muster. Helix-Strukturen, Quadrate, Dreiecke und immer wieder unterschiedlich große Kreise mit zwölf spiralförmigen Auswüchsen. Je tiefer Eve in den Tunnel vorstieß, desto komplexer und detaillierter wurden die Abbildungen. Unwillkürlich musste sie an die Evolution menschlicher Schaffenskraft denken. Von den frühen Anfängen der Höhlenmalerei in der Chauvet-Grotte über die prunkvoll gestalteten Grabstätten der alten Ägypter bis zu den formvollendeten Fresken in der Sixtinischen Kapelle.
Was – oder wer – war hier am Werk gewesen?
Mangels Antwort betrachtete Eve die Temperaturskala im HuD. Ohne die Kraft der Sonne hätte sie nur knapp über dem absoluten Nullpunkt liegen dürfen. Stattdessen stieg sie stetig an. Vielleicht ist …
»Ey!« Pecks Stimme riss Eve aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und sah, wie er sich bedrohlich vor ihr aufbaute.
»Einfach abhauen – nicht nett«, sagte er.
Nicht nett sind ungebetene Schläge auf meinen Hintern während des Koitus. Eve ließ den Gedanken unausgesprochen. »Entschuldige, aber meinst du nicht auch, der Käpt’n interessiert sich mehr für den Kuchen als die Krümel?«
»Hääh?«
Sie deutete auf die Felswände. »Titanoxid gleich Kuchen. Hier unten gibt´s viel mehr davon als an der Oberfläche.« Eve blickte auf ein Zusatzfenster in ihrem HuD, das neben Pecks Vitalfunktionen auch sein Gesicht zeigte. Er runzelte die Stirn. »Genug, um alle CEOs der Foundation in dreißig Meter hohen Titan-Statuen zu verewigen und …«
»Schnauze!« Peck glitt an Eve vorbei. Tiefer in den Tunnel hinein. Sein Herzschlag war deutlich beschleunigt. »Keine Alleingänge mehr!«

Nach einem Kilometer endete der Tunnel vor einem spiegelglatten See, der senkrecht vor Eve und Peck aufragte. Erneut bildete Pecks Stirn Tiefseegräben. »Was zum Teufel ist das?«
Die Oberfläche war hellblau wie Gletschereis. Eve berührte sie mit der Spitze ihrer Handsonde und schickte damit konzentrische Wellen auf die Reise. »Keine Ahnung, aber es besteht aus flüssigem Sauerstoff.« Ihr HuD zeigte mittlerweile minus 179 Grad Celsius. Seltsam – fast hundert Grad wärmer als am Tunneleingang.
»Könnte eine Art Schleuse sein«, sagte sie.
»Oder eine Falle«, sagte Peck.
»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.«
Peck kratzte sich am Helm. Dann deutete er in Richtung See. »Du zuerst.«

Das Eintauchen fühlte sich leicht an. Fast so, als hätte Eve eine Membran durchstoßen. Der Moment des Austritts folgte nur Augenblicke später und spülte Daten vor Eves Sichtfeld, die ihre Vorstellung vom Innenleben eines Asteroiden der M-Klasse augenblicklich zu Mondstaub pulverisierte.
A.S.S. fasste das Unsagbare in Worte. »Temperatur: Fünfzehn Grad Celsius. Luftdruck: Zwei Bar. Sauerstoffanteil: 91 Prozent. Luftfeuchtigkeit: 80 Prozent. Strahlungsbelastung: Fünf Mikrosievert.«
Ungläubig löste Eve ihren Blick vom HuD und betrachtete die Umgebung. Vor ihr lag eine völlig neue, lebensfreundliche Welt. Eine kugelrunde, lichtdurchflutete Kammer. Monumentaler als jeder Palast der Foundation, den sie auf der Erde oder dem Mars je betreten hatte. Hunderte Plattformen in allen erdenklichen Größen verteilten sich darin ohne erkennbare Ordnung. Sie waren wie Halbkugeln geformt. Zahllose spiralförmig gewundene Stränge verbanden die Plattformen untereinander wie filigrane Brücken. Sie waren mit bunt schimmernden Auswüchsen überzogen, die entfernt an Pflanzenblätter und Blüten erinnerten. All das war nur der starre, der begreifbare Teil einer irren Komposition, die in metallischem Glanz jeder Couleur badete.
Und dann waren da noch diese … Wesen. Abertausende. Überall.
Einige hangelten sich an den Strängen entlang. Andere schwebten im freien Raum. Die meisten scharten sich in Schwärmen um die Plattformen. Gebannt starrte Eve auf ein faustgroßes Exemplar, das direkt an ihrem Kopf vorbeizog. Es sah aus wie eine mit Perlmutt überzogene, wabernde Gelee-Kugel und war mit zwölf spiralförmigen Tentakel-Armen bestückt, die sich zuckend und in alle Richtungen abspreizten. Einer davon heftete sich mit drei dürren, klebrigen Fingern an Eves Helmvisier. Schlagartig formte der kugelförmige Torso drei kleine, schwarze Ausstülpungen, die zunächst ruhelos wie die Augen eines Chamäleons in alle Richtungen zuckten und schließlich Eves Gesicht fixierten.
Starrt mich dieses Ding gerade an?
Eve hob die Hand in seine Richtung. Blitzschnell spannte es den festgesaugten Arm zu einer Sprungfeder, drückte sich von ihrem Helm ab und schoss wie ein Torpedo davon. Der ungewollte Impuls ließ Eve schlingern, bevor die Schubdüsen ihre Position stabilisierten. Ihre Gedanken taumelten unkontrolliert weiter.
Wer seid ihr?
Was macht ihr hier?
Und wo bleibt eigentlich Peck?
Sie steuerte eine nahe gelegene Plattform von etwa fünfzig Metern Durchmesser an. In ihrem Zentrum angelangt, blickte sie auf eine kleine Gruppe Kugelwesen. Einige zupften mit ihren Armen an roten Fäden, die wie Saiten einer Harfe an Bögen aufgespannt waren. Andere trommelten auf Blasen in unterschiedlichen Größen herum. Wieder andere vibrierten am ganzen Körper und erzeugten so ein an- und abschwellendes Brummen. All das erinnerte – wenn auch entfernt – an Töne und Rhythmen, die zu einer musikalischen Komposition verschmolzen. Eve hörte gebannt zu. Und sie war nicht die Einzige. Dicht gedrängt umringten Kugelwesen die Plattform und wiegten ihre Arme wellenförmig hin und her.
Eve löste sich nur widerwillig von dem Spektakel und besuchte eine weitere Plattform, darauf ein Dutzend 369-Bewohner. Die eine Hälfte war faustgroß, die andere kleiner als ein Daumennagel. Jedes klammerte sich mit zwei Armen an einer kreisrunden, gewölbten Membran fest. Die restlichen zehn Arme griffen nach glitzernden Kugeln, die aus porenartigen Öffnungen im Boden quollen und zerdrückten sie. Eine Art Saft trat aus, den sie auf den Membranen verteilten. Nach und nach entstanden so bunte Flächen, Kreise, Linien oder Figuren. Eve erkannte die Bildsprache aus dem Tunnel wieder. Ihr fiel auf, dass die kleinen Geschöpfe viel ungeschickter agierten als die großen. Oft verloren die Winzlinge die Kugeln oder zerquetschten sie derart fest, dass der Saft unkontrolliert in alle Richtungen spritzte. Überrascht beobachtete Eve, wie ein größeres Exemplar seinen Platz verließ, sich neben einem kleineren positionierte und dessen Arme über die Membran führte, bis aus einem verbeulten Ei ein perfekter Kreis wurde.
Eves Neugier schwoll zu einem Roten Riesen an. Sie ergriff einen gewundenen Strang und hangelte sich daran zur nächsten Plattform. Darauf explodierte ein Feuerwerk aus plastischen Formen zu abstrakten Skulpturen. Geschwungene Säulen wanden sich wie mäandernde Flüsse in die Höhe. Pyramiden und Würfel verschmolzen zu einem mattschwarzen Block, überzogen mit einem Muster aus glänzenden Kreisen. Hauchdünne, gläserne Bänder bildeten miteinander verwobene Möbius-Schleifen. Eve fühlte sich an die Werke von Ikonen der abstrakten Bildhauerei erinnert. An Dalí, Gabo, Moore oder LeWitt.
Aber es gab auch Unterschiede. Hier war nichts starr. Die Formen wuchsen, zerfielen, rotierten, vibrierten oder änderten ihre Farbe in rhythmischen Intervallen. Je länger Eve zusah, desto klarer erkannte sie eine Choreografie, bei der jede Skulptur für sich stand und zugleich Teil einer Gesamtkomposition war.
Eve ließ den Blick weiter schweifen.
Überall auf der Plattform erschufen geschickte Schlangenarme neue Gebilde aus metallisch glänzender Modelliermasse. Auf einmal umkreisten vier Kugelwesen Eve und stülpten ihre Chamäleon-Augen hervor. Sie formten einen Klumpen. Innerhalb weniger Augenblicke entstand daraus eine transparente Hülle, schillernd wie eine Seifenblase, die rhythmisch ihre Farbe wechselte und etwas ganz und gar Vertrautes bildete – eine Gestalt im Raumanzug.
Eines der Kugelwesen löste sich von seinem Werk und bewegte sich erneut auf Eve zu. Immer wieder pendelten seine zwölf Arme zwischen ihr und der Skulptur hin und her. Und wieder glaubte Eve zu verstehen. Es war ein magischer Moment. Das Kugelwesen war direkt vor ihr, streckte behutsam einen Arm aus und berührte Eves Hand.
Dann explodierte es.
Ein Schwall schillernder Flüssigkeit und schleimiges Gewebe klatschten an Eves Visier. Hastig wischte sie die Überreste vom Visier ab und schaute sich um. Zwanzig Meter von ihr entfernt schwebte Peck mit erhobenem Triple-Wummer. Die drei Mündungsrohre der Waffe glühten rot.
»Volltreffer!«
Eve starrte Peck mit großen Augen an. Sie hatte ihn völlig vergessen. Wann war dieser Feigling durch die Schleuse gegangen? Warum war ihr nicht aufgefallen, dass er eine Plasmawaffe bei sich trug. Und vor allem: »Was sollte das?«
Er manövrierte sich neben Eve. »Lebend zappeln die Viecher einfach zu viel.« Er stieß die glühend heiße Spitze seiner Handsonde in einen leblosen Tentakel. »Wertlos. Schade.«
»Wir haben gerade die allererste intelligente, außerirdische Lebensform entdeckt und das ist alles, was dir einfällt?!«
»Hmpf.«
Eve deutete das als Ja. »Begreifst du denn nicht, was sie sind?«
»Hmmmpf.«
Eve deutete das als Nein. »Künstler«, sagte sie schlicht.
Peck verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitruskapsel gebissen. »Künstler?! Hast du auch Beweise dafür?«
Eve hätte an dieser Stelle nur zu gerne über ihre Passion für kreative Schaffenskraft gesprochen. Über die Werke längst verstorbener Altmeister. Über Michelangelos David. Über Brechts Dreigroschenoper. Über Jimi Hendrix legendäres Gitarrensolo auf Woodstock. Stattdessen stürzte sie jeden Tag wie ein einsamer Stern in ein schwarzes Loch. Manchmal stellte sie sich vor, ihre Abgründe mit Acrylfarben und Pinseln auf eine Leinwand zu bannen. Und wie befreiend musste es sein, laut Rage Against The Machine zu hören und den Refrain von ›Killing In The Name‹ in die Welt hinauszuschreien. Doch Eve wusste, wo all das für sie enden würde.
Die Kunst der Gegenwart hinterfragte und kritisierte nicht. Unter der Herrschaft der Foundation, war sie zu einem Zombie mutiert, der als Schatten seiner selbst zwischen Kitsch und Propaganda umherirrte. Aber Eve war sich sicher: Dieser Asteroid, dieses kleine Biotop, war anders. Ein Atelier. Ein Festival der Ideen. Eine Insel, auf der die Gedanken noch frei waren.
Und? Hatte sie auch Beweise dafür?
Sie seufzte. »Nein. Aber ich kann es fühlen.«
Peck würde all das nicht begreifen. Er hatte – wie alle Menschen – verlernt, innezuhalten und zu staunen.
»Fühlen?« Peck lachte höhnisch. »Ausgerechnet du?!« Er manövrierte sich in Richtung eines fragilen Gebildes, das aussah wie eine Mini-Supernova auf einem Korkenzieherstängel, und brach ein Stück ab. »Sobald unsere Schicht rum ist, werden die Schürfroboter das alles hier zu Staub zermalmen. Bis dahin kannst du gerne noch diese … ähh … Wernisasche fühlen.« Er griff erneut zur Sonde.
»Vernissage«, sagte Eve und aktivierte ihre Schubdüsen.
»Was?«
»Es heißt ›Wie bitte?‹ – und Vernissage.«
Eve rammte Peck von der Seite. Fluchend driftete er von der Plattform weg. Erschreckend schnell korrigierte er den ungewollten Kurs und steuerte direkt auf Eve zu. Sie positionierte sich wie ein Schutzschild vor den Resten der Supernova-Skulptur.
»Auch gut.« Peck hob die Waffe, zielte auf Eve und drückte ab. Das Plasma schmolz sich durch ihren Raumanzug. Dann durch ihren Körper. Dutzende rote Icons in ihrem HuD blinkten auf.
A.S.S. motzte. »Schadenslevel kritisch.«
Eve versuchte, den linken Arm zu bewegen, aber er gehorchte ihr nicht mehr. Die Haut kribbelte vor Kälte. Mit der rechten Hand betastete sie das Loch in ihrem Brustkorb.
Groß wie ein Augapfel – erstaunlich.
Eve nahm all das stoisch zur Kenntnis. Sie verspürte weder Angst noch Schmerz. Sie wollte einfach nur ihr Peck-Problem lösen und verharrte regungslos wie eine Schlange vor ihm.
Er kam schnell näher und pfiff dabei die Melodie von »Atemlos durchs Vakuum«. Alle liebten das Space-Pop-Remake. Niemand wunderte sich, dass es seit elf Jahren auf Platz Eins der Charts war. Eve hasste das Lied.
Noch ein bisschen näher.
Endlich war er direkt vor ihr. Eve umklammerte ihre Handsonde fester und zielte mit der Messspitze direkt auf die größte Schwachstelle in Pecks Raumanzug – den Schritt. Ihre Hand schnellte nach vorne. Reflexhaft packte Peck die Sonde und schleuderte sie beiseite. Wehmütig sah Eve ihrer improvisierten Peck-Problemlösung hinterher.
»Hab das gleiche Gen-Add-On wie Speedball-Champions”, sagte er. »Wusstest du das?« Er betrachtete Eve eindringlich, als hätte er etwas Wichtiges vergessen. »Sag mal, warum bist du noch online?«
»Mein Energiekern ist nicht in der Brust verbaut.«
Pecks Gesicht verformte sich zu einer Grimasse, während er seine Waffe direkt an ihren Helm setzte. »Aber in diesem hübschen Kopf ist so was wie ein Hirn drin, nicht wahr?«
Der Plasmastoß durchschlug ihr Visier. Ihr linkes Auge verabschiedete sich mit einem zischenden Geräusch.
»Wieder falsch.«
»Was soll´s. Dreitausend Schüsse habe ich noch.«
Eve schwieg. Es gab nichts mehr zu sagen.
»Schadenslev…lev…level ultra-trakritisch!«
Ihr verbliebenes Auge nahm eine Bewegung wahr. Ein Tentakelarm schnellte hervor, umklammerte Pecks Waffe und riss sie mit einer fließenden Bewegung aus seiner Hand. Ein Zweiter fand den Abzug. Ein Augenblinzeln später schielte Peck in die Mündung seiner Waffe.
»Oh.« Er hob die Hände.
Dass diese Geste menschlicher Kapitulation keineswegs universal galt, wurde spätestens mit einem gezieltem Plasmastoß klar. Peck starrte auf das Loch in seiner linken Handfläche und schrie. Dann zerplatzte die erste Farbkugel auf seinem Visier. Ein Schwarm Kugelwesen schleuderte mehr und mehr davon auf seinen Raumanzug. Sie bildeten eine Glasur. Innerhalb kürzester Zeit glänzte Peck wie das Innere einer Auster. Einen Moment lang strampelte er wild herum, dann erstarrten seine Bewegungen zu Eis.
»Eve? Eve! Was passiert hier?« Panik und Wut tanzten ein wildes Duett in seiner Stimme. »So eine Schei…«
Eve verspürte weder Mitleid noch Genugtuung, als sie seine Tonspur auf Mute stellte. Sie staunte einfach nur. Wahre Schönheit kommt manchmal eben doch von außen.
Sie schaute an sich herunter. Zwölf Arme betasteten vorsichtig ihre Brust, dann überzogen sie das Loch in ihrem Anzug mit der Perlmutt-Glasur. Einen Moment lang befürchtete Eve, auch als Skulptur zu enden, doch als ihr Anzug neu versiegelt war, ließ das Kugelwesen von ihr ab. Dankbar schaute sie ihm hinterher. Du hast es nicht verdient, zu Staub zermahlen zu werden.
Sie blickte auf die vielen verschiedenen Plattformen. Es gäbe noch so viel zu entdecken auf diesem Festival der Ideen. Da war sie sich sicher. Sie widerstand dem Impuls, sich darin zu verlieren, bis ihre Reserve-Energie aufgebraucht war.
Die Schubdüsen ihres Anzuges stotterten. Ein verwaister Triple-Wummer taumelte in die Reste von Eves Sichtfeld. Dann ein blauer See.

»Klondike an Scout-Team. Hört ihr uns?«
Eve war zurück im Vakuum. Der zwei Kilometer lange Space Miner thronte wie eine gefräßige Raupe vor ihr. »Laut und undeutlich, Käpt’n.«
»Eve – endlich! Wo ist Peck?«
»Das ist eine komplizierte Geschichte.«
»Was ist passiert?«
»Das ist eine noch viel kompliziertere Geschichte.«
Ratloses Schweigen.
»Jetzt frag sie schon, Käpt’n!«, flüsterte jemand.
»Was enthalten die Proben, Eve?«
»Titanoxid. Unfassbar viel davon.«
»Jackpoooooot!«
»Ultra!«
»Whooop-didooop!«
»Es gibt nur ein Problem.«
Der Jubel verreckte.
»Die Proben sind hochgradig radioaktiv verstrahlt – so wie der gesamte Asteroid.«
Der Souffleur meldete sich erneut flüsternd zu Wort. »Bullenscheiße.«
»Bullenscheiße!«, brüllte der Käpt’n.
Eve hatte gehofft, dass ihre Lüge später implodieren würde. Vielleicht hatten die geborgenen Robotersonden vor ihrem Ausfall noch brauchbare Daten erhoben. Vielleicht traute die Crew einer Leibeigenen mit 91 Disziplinareinträgen im CV einfach nicht über den Weg. Unwichtig. Alles, was jetzt noch zählte, war die kreative Schaffenskraft im Innern von Asteroid 369.
Eve musste an ein Zitat von van Gogh denken: Kunst, das ist der Mensch.
Sie hatte oft darüber nachgedacht und sich vorgestellt, dem indizierten Maler öffentlich zu widersprechen. Aus Angst davor, mit den Füßen voran in einem Säurebad zu enden, hatte sie es nie getan. Doch schon seit ihrer Aktivierung wusste Eve, dass Kunst kein menschliches Privileg war.
Kunst ist die Sprache des Universums. Und meine kleine Insel der Freiheit.
Weder die allmächtige Foundation noch ein Raumschiff voll tumber Glücksritter konnten diesen Gedanken auslöschen.
»Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber habt ihr Menschen uns Maschinen nicht auch erfunden, damit wir euch vor eurer eigenen Dummheit schützen?«
»Öhm, naja.« Der Käpt’n kicherte. »Vielleicht ein bisschen und … hey! Moment mal!« Seine Stimme wurde eisig. »Eve197, was wird das hier?«
»Bordkanone bereit, Käpt’n«, flüsterte der Souffleur.
Eine weitere Steuerdüse von Eves Raumanzug versagte. Sie übermittelte einen Logbucheintrag, während der mächtige Schlagschatten der Klondike sie verschlang. Ein letzter klarer Gedanke schoss ihr in den Kopf: »Aëria.«
»Was?«
»Es heißt ›Wie bitte?‹.«
»Na schön: Wie bitte?«
»Aëria – so taufte einst sein Entdecker Asteroid 369. Ihr werdet nicht wieder eine Nummer daraus machen.«
»Schießt diese Irre in Stücke.«
Zitternd hob Eve den Triple-Wummer und zielte auf die Sauerstofftanks der Klondike. Das Mündungsfeuer der Bordkanone blitzte auf.
Aëria.
Ihr gefiel der Name. Er war klangvoll und prägnant. Wie der Beginn eines richtig guten Songs. Und wie geschaffen für einen Ort zum Innehalten und Staunen.

©Jan Wüst