Bananenrepublik
Kurzgeschichte [Leseprobe]
Mit wachsender Unruhe betrachte ich den Screen des Türspions. Da ist niemand. Niemand hat etwas zurückgelassen. Eine Pflanze. Sie steht da in einem weißen Topf mit pinker Schleife und einer Grußkarte. Aus dem Schopf wedelförmiger Blätter ragt ein Stiel mit pinker Blüte, an dem ein Büschel pinker Früchte hängt, die aussehen wie Miniatur-Bananen.
Seltsam – was ist heute für ein Tag?
Widerwillig öffne ich die Tür. Die ganze, nicht nur die Klappe für die Paketdienste, wie sonst. Ich ärgere mich. Die Pflanze hätte mühelos durch die Paketklappe gepasst, aber Niemand hat sie zu weit davon entfernt abgestellt. Ich werfe die Tür wieder zu.
Was kümmert mich die dämliche Pflanze? Ich muss einen Eisdrachen töten.
Aber diese Karte.
Statt zurück in mein Zockpit zu steigen, mache ich die Tür wieder auf und haste in den Flur. Ich beuge mich zum Topf runter. Wachsartige Blätter klatschen mir ins Gesicht. Die Pflanze verströmt einen penetrant süßlichen Geruch. Kein Zweifel: Banane. Mein Endgegner. Durch den Mund atmend trage ich sie hinein. Ich klappe das Esstischchen herunter und stelle das Gewächs darauf ab. Wie ein Kind kurz vor der Bescherung betrachte ich die Grußkarte. Auf der Vorderseite ein kitschiger Happy Birthday Schriftzug, auf der Rückseite die hastige Zeichnung eines Baumes und eine handschriftliche Botschaft.
Sei nett zu Kim. Sie liebt Sonne und Gespräche. Gruß M.
Meine Stirn wirft Falten.
M – wer soll das sein? Ich kenne niemanden, der so heißt. Vielleicht steckt irgendein Unternehmen auf Kundenfang dahinter. Heute spendiert es eine Pflanze zum Nulltarif und nächste Woche folgt Werbung für überteuerten Pflanzendünger.
Ein schuppiger Hals verdrängt die Gedankenspiele. Ich muss einen Eisdrachen … Mit einem leisen plopp platzt die pinke Schale einer Mini-Banane auf. Sie entblößt weißes Fruchtfleisch und etwas, das aussieht wie … ja, wie ein Mund.
©Jan Wüst
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