Das Neunte artefakt

Ein düsterer Himmel erhob sich hinter dem Haus, auf dessen Dach zwei Krähen verharrten. Sie beobachteten eine Staubwolke am Horizont, die – von anschwellendem Donnergrollen begleitet – unaufhaltsam näherkam. Die Krähen kannten diese Art von Sturm. Ein Sturm ohne Wind, der den Wüstensand hoch auftürmte, und das Haus erzittern ließ.
Eine Schindel löste sich vom Dach und zerbarst auf Vårgs kahl rasiertem Schädel. Er war seiner Horde vorausgeeilt. Murrend rieb er sich den Kopf und klopfte mit dem Stil seiner Streitaxt an die Haustür. Sie schwang lautlos auf.
»Ja, bitte?«
Vårg riss die Augen auf. Er hatte nicht mit einem Menschenkind gerechnet. Ein spindeldürres Mädchen im Nachthemd. Scheue Rehaugen. Pechschwarzes Haar. Es musste etwa im selben Alter wie seine Tochter sein.
»Ich will mit dem Herrn des Hauses reden!«
»Er ist in letzter Zeit recht schweigsam.« Sie deutete auf einen Steinhügel unweit des Hauses.
»Hmpf.« Vårg spuckte einen Schleimklumpen in den Staub. »Bist du etwa der Wächter?«
»Wächterin«, korrigierte das Mädchen ihn und betonte dabei die letzte Silbe.
»Nun gut. Ich bin hier, um das Artefakt zu holen.« Das Neunte und Mächtigste, ergänzte er im Kopf.
»Besitzt du denn einen Schlüssel für den Schrein?«
Vårg lachte schallend und hob seine Axt. »Ich brauche keinen.«
Das Mädchen schwieg. Starrte ihn ohne jede Regung an.
Vårg behagte der Blick nicht. Die scheuen Rehaugen waren verschwunden.
»Weißt du eigentlich, wer ich bin?«, fragte er.
»Grüne Haut, kein Benehmen, eine Streitmacht im Rücken – ein Ork auf Raubzug also. Einer mehr, der umsonst hierherkommt.«
Die Axt krachte in die Tür. »Ich bin nicht den weiten Weg durch diese verfluchte Wüste geritten, um mich von einer Menschengöre verspotten zu lassen.«
»Der da sagte gestern das gleiche.« Das Mädchen duckte sich unter der Axt hindurch und deutete auf ein riesenhaftes Gerippe unweit des Hauses. Dutzende Krähen hatten sich darauf niedergelassen und zankten um die letzten Fleischfetzen. Während Vårg das Bild aus Federn und Knochen verarbeitete, sprang das Mädchen vor, trat ihm schwungvoll zwischen die Beine und verschwand im Haus.
Vårg stöhnte auf. Sackte zusammen. Hinter ihm dröhnendes Gelächter. Seine Horde war am Haus eingetroffen. Mit gefletschten Zähnen rappelte er sich auf. »Dafür wirst du …« Ein weißer Klecks landete auf seinem Brustpanzer und fraß sich dampfend durch das Metall. »Was zum Henker?!« Immer neue Kleckse klatschten zischend auf seine Rüstung. Ungläubig sah Vårg zum Himmel hinauf. Die Düsternis war nun direkt über ihm. Eine schwarz gefiederte Wolke, die krächzte und kackte und mit aufgewirbeltem Staub verschmolz. Die Horde lachte längst nicht mehr. Sie schrie. Vårg rannte fluchend zu seinem Yak. Er hatte seiner Tochter zwei Dinge zu ihrem neunten Geburtstag versprochen. Eine lange Umarmung und ein einzigartiges Mitbringsel. Eine Krähe näherte sich im Sturzflug. Blitzschnell packte er sie am Hals. Er konnte es kaum erwarten, seine Tochter so fest an sich zu drücken, dass er ihr Herz schlagen spürte. Und ein säurescheißender Vogel mochte kein Artefakt sein, aber allemal wertvoller als ein gebrochenes Versprechen und die ewigen Hallen Beliars.

©Jan Wüst