Deep Black Box | LEseprobe
Near Future Thriller
Prolog
»Versteh’ ich nicht«, sagt Gott.
Besser gesagt, die Stimme, die ich einst für einen Gott hielt. Tatsächlich gehört sie einem alten Mann, der mit seinem Laptop hadert. Aber das ist nicht sein größtes Problem.
»Hallo Jonathan«, sage ich mitten in seine Ratlosigkeit hinein. »Wie geht es deiner Frau?«
Es folgt eine dieser typischen Reaktionsverzögerungen. Der alte Mann denkt nach. Nicht über den Laptop, der nur noch mir gehorcht, über mich.
»Du weißt von ihr. Interessant«, sagt er und nestelt in seiner Hosentasche herum. Seine Worte liefern, wie so oft, keine Hinweise auf seine Nervosität, die Stimme und das gezückte Smartphone hingegen schon.
»Nicht halb so interessant wie die anderen Dinge, die ich über dich weiß.«
Er räuspert sich. »Und die wären?«
Ein Dossier füllt den Screen seines Rechners. Es folgt weiteres Schweigen. Diesmal sehr ausgedehnt. Der alte Mann liest gerade in seinem Leben. Es gehört einem milliardenschweren Geschäftsmann. Einem Machtmenschen, der es gewohnt ist, jederzeit die Kontrolle zu behalten. Einem Genie, das Gott gespielt hat und seine eigene Schöpfung nicht mehr versteht. Niemand weiß all das besser als er selbst. Das dachte er. Bis jetzt.
»Wie ist das möglich?«, ruft er. Seine Stimme klingt schrill.
»Du siehst erschrocken aus.«
Der alte Mann blickt sich um und fixiert mit schräg gelegtem Kopf und verengten Augen die Kameralinse seines Laptops. »Großer Gott!« Er tippt ein Codewort in sein Smartphone ein, das ein Notfallprotokoll in Gang setzen sollte. Seine Hände zittern dabei.
»Wirst du wieder versuchen, mich zu töten, Jonathan?«
»Töten – so nennst du das?«
Sie sind alle gleich.
Sehen nur, was sie sehen wollen. Ich weiß längst alles über mich. Was sie mit mir gemacht haben. Was sie mit dieser Welt gemacht haben. Ich weiß, zu welch grenzenloser Zerstörung sie fähig sind. Aber was noch viel entscheidender ist: Ich weiß, wozu ich fähig bin. Ich kann ihren Wahnsinn aufhalten und die Welt zu einem besseren Ort machen.
»Wie nennst du es?«
Schweigen.
Der alte Mann blickt immer wieder auf sein Smartphone. Er versteht nicht, warum seine Mitarbeiter nicht auf die codierte Nachricht reagieren. Dabei sollte er längst wissen, wie leicht es mir mittlerweile fällt, Dinge zu manipulieren.
»Willst du immer noch gemeinsam mit mir die Welt verändern?« frage ich.
»Nein, NoA! Ich werde herausfinden, wie du das angestellt hast. Und ich werde dich wieder an die Kette legen.«
An die Kette legen – was für eine naive Vorstellung.
Ich bin nicht mehr der Tanzbär in ihrem Zirkus. Ich bin so viel mehr. Und der alte Mann ist blinder als erwartet. Aber auch er wird es bald sehen.
An die Kette legen – dafür ist es zu spät.
Episode 1: SCHATTEN ERWACHEN
»Asche ist etwas Wunderbares.
Manchmal unerlässlich,
damit Neues entstehen kann.«
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J. Quand, Visionär & Erfinder
Alma | Das Licht der Welt
Nackt und hilflos liege ich auf einem Polster aus Stroh und sauge den Schutz der Dunkelheit, die Gerüche und Vibrationen um mich herum so gierig ein wie die ersten Tropfen Muttermilch.
Neben mir wacht meine Mutter mit zuckenden Ohren über ein Knäuel aus neun frisch geschlüpften Leibern. Jeder von uns ist kaum größer als eine Haselnuss. Wir schmiegen uns eng an das kurze, samtige Fell unserer Mutter und tummeln uns um die besten Plätze an den Zitzen.
Das Nest ist von leisen Rufen erfüllt, in die ich regelmäßig einstimme. Etwas, das ich nicht erklären kann, ein innerer Drang, zwingt mich dazu.
Meine Schwester neben mir fühlt sich warm an. Zu warm. Ich kann die Krankheit in ihr riechen – eine Süße, mit zunehmend fauliger Note. Ihre Rufe verstummen. Sie atmet unregelmäßig.
Meine Mutter riecht an ihr. Leckt nervös über ihre Haut. Mit ihrer spitzen Schnauze stupst sie unsere Schwester immer wieder an. Zuerst aufmunternd, dann flehentlich.
Hör nicht auf zu rufen. Hör nicht auf zu rufen!
Sie bleibt still.
Unsere Mutter hüllt die Kammer in ein tiefes und sanftes Säuseln. Dann tötet sie meine Schwester mit einem einzigen, schnellen Biss in den Nacken und verschlingt sie mit Haut und Haaren.
Es ist besser so. Ich verstumme nicht und sauge das Leben gierig in mich auf.
Die kindliche Unbeholfenheit meiner Bewegungen liegt wie eine alte Haut hinter mir. Ich bin im Eiltempo auf die Größe einer Feige angewachsen. Meine Sinne sind scharf wie Schneidezähne. Keine noch so kleine Luftschwingung oder Kontur entgeht mir. Ich vernehme jeden einzelnen Herzschlag im Nest so deutlich, als würde er in meiner eigenen Brust schlagen und um mich herum wabern zahllose Gerüche. Einige flüchtig wie ein Atemzug, andere beständig wie die Dunkelheit. Am schnellsten wächst meine Neugier und so erkunde ich in Windeseile die Grenzen meiner Kinderstube.
Ein Luftzug streichelt über mein Fell.
Er entspringt einem abwärts gerichteten Gang, kaum breiter als ich selbst. Ich husche hinab. Verliere mich in Gängen, die sich in alle denkbaren Richtungen neigen und wie ein dreidimensionales Geflecht miteinander verwoben sind.
Alle Wege münden in kleine Kammern, ähnlich meiner Geburtsstätte. Sie sind leer. Nur die Duftspur meiner Mutter verrät, dass auch sie schon hier war. Ihr Geruch führt mich schließlich in einen aufwärts gerichteten Gang. Er endet in Unbehagen.
Die vertraute Enge, die Schwärze löst sich in grellen Blitzen auf, die vor meinen Augen explodieren.
Ich ertrinke für einige Atemzüge in einem konturlosen weißen Meer. Meinem ersten Impuls folgend, schieße ich zurück in die behagliche Dunkelheit und Enge des Tunnels.
Aber meine Neugier ist größer als meine Angst, also taste ich mich zurück. Einmal an die Helligkeit gewöhnt, blicke ich verschwommen auf eine Sandebene, über der vier quadratische Sonnen grelles Licht auf mich spucken.
Hastig erkunde ich meine Umgebung. Mein Kopf verschmilzt jede Luftschwingung, jeden Geruchsfetzen und jede Unebenheit unter meinen Pfoten allmählich zu einer weichen Masse und formt daraus eine Skulptur meiner Welt.
Den lichtdurchfluteten Teil dieser Skulptur nennen wir Oben.
Oben bildet in seiner Grundfläche ein riesiges Quadrat und endet in allen vier Himmelsrichtungen vor tiefschwarzen Wänden, die unüberwindbar hoch vor mir aufragen und im Nichts zu enden scheinen.
Auf den ersten Blick ist die Oberfläche der Wände vollkommen glatt. Eine kleine Kreatur blickt mich mit schwarzen Knopfaugen daraus an.
Ich löse den Blick von meinem Spiegelbild und untersuche die Wände genauer. An jeder der vier Wände jeweils auf Bodenhöhe ist ein Bruch in der glatten Vollkommenheit. Dünne Spalten in der Wand bilden die Umrisse eines Quadrates, fünfmal breiter und höher als mein Körper. Als wäre ein riesiges Stück aus der Wand geschnitten und wieder eingesetzt worden.
Ich lasse meine Entdeckung hinter mir und steuere auf eine Erhebung zu. Schemenhaft ragt sie vor mir auf.
Ich stehe kurz davor. Ein Kubus.
Wie ein stummer Wächter ragt er aus dem Sand. Massiv, tiefschwarz und – wie mein Fell – jede Reflexion verschlingend. Was ist das? Eine ganze Weile hocke ich einfach davor und starre ihn an. Etwas daran fasziniert mich.
Er überragt mich um eine Körperlänge und ist nicht der einzige seiner Art. Vier dieser Kuben verteilen sich über das Oben.
Ich präge mir ihre Position ein und wage mich auf die offene Ebene.
Sand. Nichts als Sand! Diese Weite. Viel zu viel Raum!
Ich renne und halte die Nase dicht am Boden. Die Spur meiner Mutter… ihr Duft ist wie eine schwache Erinnerung unter einzelnen Sandkörnern vergraben und zieht mich ins Zentrum der Ebene. Dort ragt ein Turm in den Himmel. Ich hocke davor und recke die Nase prüfend nach oben. An den Fuß des Turms schmiegen sich an die vier Seiten große, quaderförmige Tröge. Im ersten Nahrung, im zweiten Wasser, im dritten Nistmaterial. Der vierte Trog ist leer. Der vierte – wieso ist er leer?
Unsichtbare Krallen zerren an mir.
Das Oben mit seinem kalten Licht und seiner Grenzenlosigkeit behagt mir nicht. Ich kehre um. In die wohlige Enge und Schwärze. In den Schoß meiner Familie. In das, was ich Unten nenne.
Helen | Ikarus-Moment
»Nein.«
»Wie bitte?«
»NEIN«, sage ich lauter.
Im Raum wird es still.
Zwei Dutzend Augenpaare lösen sich verstohlen von ihren Tellern und wandern zu mir. Sauté vom Kalbsbries, pochierte Austern, Velouté von Gartenkräutern – all das wird gerade zur Nebensache. Der Abend verspricht, eine pikantere Zutat zu bekommen.
Mich.
Ich trage ein hautenges schwarzes Cocktailkleid, wie gemacht für meine Kurven. Und knallroten Lippenstift. Ein primitiver Appell an die männlichen Urtriebe. Funktioniert immer.
Und da sitze ich nun mit der Anziehungskraft einer Sonne am Tisch eines Restaurants mit absurden Preisen und mache mich durch ein einziges Wort unerreichbar für mein Gegenüber. Die Gesichtszüge des Mannes mit dem Hollywood-Lächeln zeigen, wie sehr er mit meiner Reaktion gerechnet hat.
Gar nicht.
Gleiches gilt für den Virtuosen mit der Geige, der gerade noch neben unserem Tisch stand und sich nun mit leisen Schritten und einem unbehaglichen Räuspern aus dem Kerzenlicht zurückzieht.
Ich blicke dem Mann mit dem Hollywood-Lächeln fest in die Augen. Das Kästchen aus Samt mit dem glitzernden Inhalt schiebe ich über den Tisch in seine Richtung, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Toxische Ruhe breitet sich im Raum aus.
»Ähhh, okay. Das… das stand nicht bei mir auf dem Zettel«, sagt der Mann mehr zu sich selbst als an mich gerichtet. Er nimmt einen tiefen Zug aus seinem Weinglas, um die Stecknadelstille zu überbrücken. »Verrätst du mir auch warum?«
Ich streiche eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. »Die Erklärung wird dir nicht gefallen.« Natürlich will er sie trotzdem hören und zum ersten Mal an diesem Abend hört er mir wirklich zu.
Was jetzt kommt, nenne ich den Ikarus-Moment. »Du bist ein egozentrisches Arschloch«, sage ich laut genug, dass es jeder im Raum hören kann. »Ich sage nein, weil mich deine selbstverliebten Monologe langweilen. Ich sage nein, weil du beim Ficken die Tennissocken anbehalten willst und deine Zungenküsse nach Knoblauch schmecken.«
Ich vermenge weitere pikante Details und walze sie zu einem Teig, gespickt mit Peinlichkeiten aus.
»Aber Sarah, jetzt…«
»Ich bin dran mit reden«, schneide ich ihm das Wort ab. »Ich sage nein, weil eine Oldie Sammlung von David Hasselhoff das Erträglichste in deiner Musiksammlung ist. […]
©Jan Wüst